Mittwoch, 9. November 2011

Thema 6: Meine Generation der Wirtschaftswunder-Babyboomer (KW 45 / 2011)


Ich gehöre einem der stärksten Jahrgänge nach dem großen Krieg an. Das Phänomen ist bekannt. Nach Epidemien, Kriegen und ähnlichem werden zum z.B. besonders viele Jungs geboren, um das entstandene Missverhältnis wieder auszugleichen. Das war immer so in der Geschichte. Es ist schon ein Ding mit der Natur, wie macht sie das bloß? – Wahrscheinlich ist die biologische Antwort einfach, aber ich habe sie niemals irgendwo gehört bzw. im Hinterstübchen abgespeichert.

Na, jedenfalls bin ich gerade noch so ein solches Babyboomer-Kind, geboren knapp 20 Jahre nach jener vielleicht größten hausgemachten Katastrophe der Menschheit. Mit dem „Pillenknick“ nach 1965 war es dann wieder vorbei.

Das Mann-Frau-Verhältnis hat sich dennoch mit der Zeit wieder reguliert, was natürlich auch bedeutet, dass es in meiner Altersgruppe zumindest deutlich mehr Männer als Frauen gibt. Ein Problem, das vielleicht am Rand in die Inhalte dieses Artikels mit hinein spielt.

Meine Generation der heute 40+ bis ca. 55-Jährigen ist im Erwachsenenleben eine Gruppe der Halt- und Orientierungslosen geworden! – Dies ist meine These für diesen Text, welche ich als Überbreite im Durchschnitt zu anderen Generationsgruppen verstanden wissen will, natürlich nicht für jedermann und jederfrau. 

WARUM DIESE BEHAUPTUNG? – WAS SIND DIE FAKTOREN?

Meine Generation:

§  hat erkennbar ein Problem mit dem Sinn und den Zielen für das eigene Leben.

§  hat die allergrößten Schwierigkeiten damit, Werte richtig einzuordnen und nach Ihnen zu handeln.

§  kommt nicht klar mit den an Sie gestellten Herausforderungen in Beruf und Privatleben.

§  fällt überproportional in psychische Krisen wie Burnout und Depression.

§  kriegt das mit dem Ding zwischen Männern und Frauen überhaupt nicht mehr hin. Zerrissene Familien und verkrachte Existenzen sind die Folge.

Die Liste ließe sich im Detail um ein Ewiges verlängern. Ich beobachte rund um mich und mein Alter die verschiedensten Schwierigkeiten. Und alle erzählen sie natürlich eine ganz individuelle Geschichte.

Menschen, die niemals einen Partner fanden. Menschen, die scheitern und scheitern und wieder scheitern. Menschen, die lügen und im Grunde betrügen, ohne auch nur eine Idee davon zu haben, dass sie das tun. Viele Menschen, die aufgeben und sich ergeben in das, was einfach trudelnd mit ihnen geschieht. Menschen, die taumelnd von einer in die nächste Arbeit oder Beziehung fallen ohne jede Bindung. Menschen, die kein Mittel finden, um Scheitern oder Verlust von Arbeit, Familie, Freunden bewältigen zu können. – Auch dies ließe sich immer weiter fortführen.


Wer weiß, vielleicht ist es früheren Generationen auch so ergangen und sie fühlten sich im großen Mittel ebenfalls verloren. Bestimmt sogar, dennoch denke ich, dass in unseren Jahrgängen etwas Besonderes zusammenkam.

Versuch einer Interpretation

(1)
Unsere Eltern sind so plus/minus zwischen 1925 – 1945 geboren. Im Großen und Ganzen keine Kriegsteilnehmer mehr, aber Kinder jener Zeit und Jugendliche der Entbehrung bzw. junge Erwachsene von Aufbau und der Wirtschaftswunderzeit, zu der wir dann geboren wurden. Sie wuchsen ihrerseits auf in einer Wertewelt, die durch ihre Eltern noch aus der Kaiserzeit geprägt war (Kinder soll man sehen, aber nicht hören), und einer speziellen Gegenwart durch das System der Nazis, welches dazu nicht wirklich passte. Außerdem Krieg, möglicherweise Bombardements, Verlust naher Menschen (Eltern, Großeltern, Verwandte) und natürlich die zerstörte Welt und der Hunger am Ende.

Dann kam diese neue Sache aus Ost-West-Ideologie, Wirtschaftswunder und Entwicklungen, wie es sie in dieser Kürze nie zuvor gegeben hat. Heute wissen wir, dass der 2. Weltkrieg – so furchtbar er war – einen Technologiesprung auslöste, einzigartig in der Geschichte unserer Menschheit. Dieser Sprung hält noch immer an (schon wieder eine andere Geschichte für ein eigenes Thema), aber unsere Eltern hatten seinerzeit keine Ahnung und keine Wahrnehmung von alledem.

Sie verantworteten dies alles nicht, sondern waren mur diejenige Generation, die es mit ihrer Arbeit und Leistungsbereitschaft in der neuen Nachkriegswelt zu tragen hatte. Dieser Umstand prägte nun auch zentral ihr Leben. Wohlstand, definiert durch Auto, Haus, Garten, Elektrogeräte, Urlaub und dazu ein Sparsäckel. Im Leben alles erreicht mit der Arbeitsleistung und der erworbenen Rente, welche Nobbi Blüm nicht zuletzt für das Wohlfühlen unserer Eltern als „sicher“ deklarierte.
Vor dem Hintergrund ihrer Herkunft nahmen unsere Eltern das Erreichen dieses Wohlstandsbürgertums aus ihrer Sicht als erstrebenswert war. Sie waren älter als die 68er, deren „Aufstand“ sie nicht verstehen konnten, und jünger als diejenigen, welche in der alten oder neuen Welt verantwortlich mitmachten, … oder in beiden.

(2)
Wir wiederum wuchsen auf in einer Welt zunächst ohne Not und ohne Kummer. Im Gegenteil, wir begleiteten mit unserer Kindheit den wachsenden Wohlstand Schritt um Schritt. Wir erlebten den Boom und seine Kriselchen von der Vinylplatte und dem Tonband an über die Kompaktanlage, das Kassettenradio und den Walkman bis hin zum MP3-Player heute. – Viele andere Folgeketten lassen sich anführen.

Unsere Eltern boten uns materielle Sicherheit zu Hause und vom Sozialstaat her an, aber sie gaben uns keine Orientierung und kein Wertesystem mit, das in der Welt da draußen hätte funktionieren können. Sie bemerkten diesen Mangel nicht einmal, denn sie waren auf das Abarbeiten ihrer „Pflichten“ fixiert und im Schlichten stolz darauf, ihren Familien dies oder jenes bieten zu können. Es war ihr Weg durch die Widersprüche der Zeit, aus der sie selbst gekommen waren. Sie hatten die Wirtschaftswunderangebote dankbar angenommen und in besonderer Weise für sich zum Überleben verinnerlicht. Das Credo war möglichst nix zu hinterfragen. Ohne dass sie es richtig merkten hießen ihre Formeln:

„Damit ist man immer gut gefahren“.

„Jetzt muss endlich mal Schluss sein“ (Nazi-Vergangenheit, Gemeckere, alles …).

„Stell dich nicht so an“ (Indianer kennen bekanntlich ja keinen Schmerz).

„Basta“.

„Man muss nicht alles zerreden“.

UND, und, und … so einfach war das.

Ihr wisst sicher, wie ich das meine oder erinnert Euch sogar. ALLES EINE EINZIGE AUSFLUCHT, wenn man genauer hinschaut. Streit, Niederlagen, Trennung, Krankheit etc., nichts wurde geklärt, nichts wurde abgearbeitet. Stattdessen nach Möglichkeit immer sofort weiter machen wie bisher und bloß kein Wort darüber verlieren. Man könnte meinen, die Generation unserer Eltern hatte/hat nachgerade Panik davor, sich der Auseinandersetzung zu stellen. Wohl aus einer tief verborgen liegenden Angst heraus, dass alles wieder kaputt gehen könnte. Kein Bewusstsein, kein Zulassen der Hinterfragung. Nicht bei sich selbst, nicht bei anderen. – Viele Ehen waren nicht glücklich, sondern eher Zweckbündnisse. Man fügte sich in die Tatsachen und dachte eben, das Beste daraus zu machen.

Folge: Die Erziehungspädagogik unserer Eltern war eine Katastrophe! – So jetzt ist es raus. Scheltet mich dafür, aber ich seh’s trotzdem so.

Da bereiteten die Eltern zwar ein heimeliges Zuhause, aber kümmerten sich mitnichten um das innere Wohlergehen ihrer Kinder und darum, was für Menschen sie werden würden. Wurde es schwierig, setzte es was! Nur um anschließend sofort so zu tun, als sei gar nichts gewesen. Hilflosigkeit pur! Wenn außerhalb des Hauses etwas geschah, war ebenfalls Wegschauen oder Übergehen angesagt. Auch mit dem Investieren von direkter und individueller Zeit für uns Kinder war nicht viel los. Man wusste nicht wie, denn sie hatten das rund um den Krieg auch nicht erfahren.

Man machte Ausflüge und Urlaube, aber man begleitete seine Kinder nicht.

Bezeichnender Weise bestritten oder bestreiten unsere Eltern heute genau dies alles und je nachdem noch viel mehr. – Sie wissen es anscheinend nicht besser. Lebenslange Prägungsmuster!

(3)
Nun will ich die Wirrnisse und Zustände unserer Generation aber doch nicht einfach unseren Eltern in die Schuhe schieben. AUF KEINEN FALL. – Schließlich haben wir alle es individuell doch in der Hand Einsichten, Einflüsse und Faktoren selbst zu bewerten, um etwas aus uns zu machen. Hinweisen will ich nur darauf, dass die Umweltbedingungen für unser Erwachsenenleben halt ganz andere geworden waren, als diejenigen, welche unsere Eltern mehr oder weniger an der Hand durchs Leben führten. Kein Wirtschaftswunder mehr und keine aus heutiger Sicht „sanfte Ellenbogengesellschaft“, die anschließend kam, sondern Verdrängung und verschlingender Dschungel überall. Das ist vielleicht der wichtigste Umstand, warum wir trotz der z.B. materiell ordentlichen Ausgangslage durch unsere Eltern keine in sich stabile Generation geworden sind.

Alles hat sich in Rekordzeit verändert. Technologien, Wissen, Wirtschaft, politische Systeme, Bündnisse und Mächte in der Welt. Und das Tempo der Veränderung hält unverdrossen weiter an, legt an Geschwindigkeit sogar noch zu. Manches ist faszinierend, eröffnet neue Horizonte und einen Markt der Möglichkeiten. Anderes ist erschreckend, beklagenswert, furchteinflößend und sorgt für Frust, Resignation oder gar großes, neues Elend.
Logisch, dass auch die Gesellschaft, das Umgehen Miteinander, das Anwenden von Werten und die ganz persönlichen Herausforderungen von einer solchen Entwicklungswalze, wie wir sie andauernd erleben, nicht verschont bleiben: Partnerschaft, das Ringen um Job & Karriere gegen denjenigen, der es vielleicht sogar besser kann, die Verführungen von Konsum und Machtgeilheit, die zum Überleben suggerierte Abstumpfung gegen alles Empfindsame, Störende und sich evtl. in den Weg Stellende, kurzum die Forderung unserer Werte, Überzeugungen und Nachhaltigkeit.

Wir sind heute und jetzt eine Generation in der Verantwortung am Scheideweg global irrwitzig schnell und mitunter abenteuerlich agierender Veränderungen unserer gesamten Welt und wir kommen mit der Aufgabe nicht klar. Im gewaltigen Großen so wenig wie im individuell Kleinen. Wir sind überfordert und rundum nicht vorbereitet! – Ich finde, so deutlich muss man das auch mal sagen dürfen und sich eingestehen.


Wir stehen mit Stand 2011 gerade in der Mitte bis Hochverantwortung für diese Welt. Wenn aus der Zeit, in der wir am Ruder gewesen sein werden, noch etwas werden soll, dann sollte jetzt bis demnächst etwas mit Blick auf uns selbst und unser Tun geschehen.

Wenn man auf das was ich sage oder schreibe hörte, dann würde ich meiner Generation der ehemaligen Babyboomer zurufen, dass eine völlige Neubewertung von Standpunkten, Zielen sowie beruflichem & privatem Handeln hermuss. Ich würde sagen, dass wir jetzt auf die Reset-Taste drücken müssen und einen kompletten Neustart fordern, um vielleicht doch noch das aus uns zu machen, was wir eigentlich als Generation hätten sein können.

Mein Traum war es immer – und der ist so herrlich naiv – dass wir in der Welt richtig etwas bewegen und den Laden gründlich positiv umkrempeln würden. Eine kurze Periode lang erschien es mir in meinem Leben sogar so, als ginge das wirklich und ließen sich Dinge z.T. für viele auf wunderbare Weise bewegen und verändern, so dass es mir mit meiner Rolle darin selbst fast schon wieder unheimlich wurde. Z.B. Projekte für deren Erfolg Menschen an deinen Lippen hängen, oder Demos, zu denen man aufruft und Tausende kommen, was einem zeitweise richtig gehörten politischen Einfluss bescherte … (zu erzählen in einer anderen Geschichte).

Diesen Traum gibt es schon lange nicht mehr!

Keine Ahnung ob das repräsentativ ist, aber ich nehme um mich herum so viele verkrachte Existenzen wahr, dass man kaum an ein gesundes Gesellschaftswesen glauben kann. Wüsste ich nicht, dass es eine Kombination aus Altersgruppe und Milieuumgebung ist, würde ich glatt resignieren: Vollends gescheiterte und sich bekämpfende Familien als wäre es ein Krieg um alles und das letzte gemeinsame Geschirrhandtuch (sprich: Kohle und Kinder! Man darf auf den Zustand dieser kommenden Generation gespannt sein), einsame & alleinstehende Menschen, alleinerziehende Mütter (seltener Väter), Männer und Frauen mit nie einer festen Partnerschaft, in Beruf und Leben Gescheiterte, auffallend viele sogar gänzlich ohne Beruf und dann noch diese riesige Gruppe von Depressiven, Alkoholikern, Tablettenabhängigen etc. pp.

--

Ich habe derzeit keine Ahnung, wie sich diese innere Generationentragödie im Strudel zusammen mit der Zeit, in der wir uns befinden, überhaupt noch auflösen ließe. Vielleicht lasse ich mit meiner Kraft in der Überzeugung für Lösungen und Wege ein wenig nach – obwohl das nicht meinem Wesen entspräche – denn ich sehe einfach nicht, dass wir noch die Power und die Werte mitbrächten, neben den eigenen Unzulänglichkeiten diesen aktuellen Irrsinn aus Gewalt, Terror, ethischen Fragestellungen, global-ökonomischem Finanz- und Wachstumswahnsinn, Raubbau & Ausbeutung von Ressourcen sowie Arbeit, Umwelt, Klima, Ernährung, Bildung, und, und, und konstruktiv zu bearbeiten.

Ich resigniere nicht, aber ich habe eben so ein bestimmtes Gefühl, Mitglied einer der am heftigsten überforderten Generationen zu sein, welche keine Lösungen bereit hält. Für das eigene Leben nicht und für die Phase der die Gesellschaft tragenden Gruppe nicht.

Was man im Persönlichen tun kann und tut, ist gut und wertvoll. Familie und Freunde positiv zu begleiten ist eine wichtige Sache. Sich auch im Kleinen im Rahmen von Umwelt und Gesellschaft zu engagieren ebenso. Ich meine immer, dass man das Wenige in Reichweite bewegen soll. Besser als nichts.

Das werte- und orientierungsmäßig bescheidene Dahintrudeln meiner Generation lässt sich nun, da wir bereits ein gesetztes Alter erreicht haben, nicht mehr wirklich korrigieren. Man kann nur alle Daumen drücken, dass diejenigen, die zwischen uns und unseren eigenen Kindern kommen – es handelt sich gewissermaßen um die Kids der 68er – mehr inneren Unterbau mitbringen werden.

Einiges spricht in meiner Wahrnehmung dafür. Das Leben geht sowieso weiter …

Montag, 7. November 2011

Zwischenruf zur Gier am Pranger der evangelischen Kirche (KW45 / 2011)



In Magdeburg tagt die Synode der Evangelischen Kirche und fragt: „Wann wird das wieder eine Tugend – sich selbst begrenzen können?“

Und weiter sinniert die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann fordernd darüber, ob „[…] die in den Banken und Börsen Verantwortlichen […] die Kehrseiten ihres Handelns sehen und umkehren zu Regeln, die das Interesse aller vertreten?“ Die reichen Länder würden mittlerweile in ihren Schulden ersaufen und setzten dabei immer noch auf Wachstum als gäbe es keinerlei Grenzen.

Der EKD Vorsitzende Nikolaus Schneider (Nachfolger der gestrauchelten Hoffnungsträgerin Margot Käßmann) ergänzt in der Weise, dass es jedoch wieder die Armen der Welt in der Krise am Stärksten trifft. Die Finanzakteure müssten gezügelt und die Finanzstrukturen so gesteuert werden, damit sie nicht der Bereicherung Einzelner, sondern dem Leben Vieler dienten.


Wunderbar !! Ichstimme zu !! Toll, da sagt ja endlich ein Moral- und Werteträger der Gesellschaft etwas Deutliches. Danke.

War’s das jetzt? Leider Nein, denn ich habe auch Zweifel. Ich habe erhebliche Zweifel und Bauchschmerzen dazu. Ich traue der Organisation und Institution Kirche nicht vollends, es ist ein inneres, instinktorientiertes Misstrauen.

Nicht, dass ich infrage stellen möchte, dass die Kirche viele soziale, wichtige und gute Einrichtungen sowie Projektgeschichten betreibt. Nicht, dass ich infrage stellen würde, dass die Landesbischöfin und der Präses nicht genau meinten, was sie sagen. Es ist das Konzept und in der Gesellschaft installierte Modell von dem System Kirche selbst, das mich skeptisch sein lässt. Zu viele historische Widersprüche und zu viel aktuelles Missverhältnis zwischen kolportierten Werten und dem tatsächlichen Handeln. Zu viele persönliche Erfahrungen, Nicklichkeiten und Beobachtungen im Namen der Kirche.

Einschub: Das und warum ich kein glaubender Mensch im Sinne von Religiosität bin, mein Problem mit der Amtskirche, der fehlenden Trennung zwischen Kirche und Staat und warum ich dennoch Mitglied geblieben bin, erläutere ich Euch ein andermal. Es steht auf meiner Themenliste.

Da werden schicke Appelle in die Medienlandschaft geschickt. Zeitgemäß und den aktuellen Nerv treffend, denn Occupy geht überall auf die Straßen, besetzt Plätze und Institute, artikuliert sich. In Griechenland brodelt eine ganze Gesellschaft und droht in ihrer Wut damit außer Kontrolle zu geraten, weil es halt die Menschen sind, welche die Zeche für die Gier und Maßlosigkeit von eigentlich Wenigen zu blechen haben. Vielleicht sogar der Beginn eines Massenaufstandes über viele Grenzen hinweg; man weiß es noch nicht.

Passend dazu jetzt der Kirchen-Appell gegen die Gier! Leute, ich habe da diese Zweifel, weil die Kirche zwar predigt und mahnt, aber nichts tut und nichts einsetzt, um anzugehen gegen Dinge, welche sie anders behandelt haben will. Sie demonstriert einfach nicht (als Kirche, einzelne schon wie Aktion Sühnezeichen und andere), setzt ihren unfassbar großen Einfluss auf Staat wie Gesellschaftsinstitutionen nicht ein und handelt bei eigenen Interessen (Besitz, Pfründe, Finanzierungen) oft nicht in der Weise ihrer eigenen Werte.

Friedensbewegungen (+ diverse Kriege & Genozide), Ökologie, Umwelt, Atomkraft. Wo ist die Kirche selbst mit echten Bemühungen tatsächlich an der Seite der Menschen? Sichtbar, anfassbar, auf der Straße, bei Konferenzen oder in den Büros und dem Gewissen der Politiker?

Ich sehe die Kirche einfach nicht etwas im Sinne ihres Glaubens und gewonnener Überzeugung für unsere Zeit bewegen. Krass gesagt: Sie labert nur an die Herde der Schäfchen hin, was opportun zwischen Zeitgeist und das Neue Testament passt.

Es gibt keinen wirklichen Einsatz für in der tatsächlichen Sache ganz gewiss lohnende Ziele. Etwa Druck zu machen für ordentliche und global-soziale Regeln der sogenannten Finanzprodukte. Druck auf EU und USA gleichermaßen, so dass z.B. ein an seiner Lobbyklientel hängender Obama Schwierigkeiten bekäme, sich im Sinne der Finanzierer des politischen US-Systems weiter zu sperren. Die weltweit vernetzte Kirche – anders als die meisten – hätte viele Möglichkeiten und Zugang. Wow! Das würde meinen Respekt erringen und mich Fragen der Glaubwürdigkeit neu überdenken lassen.

Aber sie tut’s nicht.

Die Kirche bearbeitet im Rahmen ihrer Vernetzung mit Staat und Politik (hier in D) hauptsächlich den eigenen Steuerstatus und die von ihr betriebenen  Einrichtungen wie Kindergärten, Altenheime, Krankenhäuser, Pflegedienste, Beratungen etc.

Nicht, dass das alles nicht wichtig wäre, aber doch irgendwie auch armselig. Angesichts der Gesamtaufgabe und der eigentlichen Glaubensbotschaft, die zu vertreten sie für sich in Anspruch zu nehmen behauptet. Sie tut es nicht in Taten nach ihren eigenen Worten. Das ist das Problem mit der Kirche.

Es scheint so etwas wie ein nicht formulierter Deal mit dem Staat zu sein. Die Kirche tritt ihm nicht aktiv ans Bein und übernimmt in beidseitigem Interesse etliche staatliche Sozialgeschichten, dafür sammelt selbiger ihr eine äußerst fette Steuerfinanzierung ein, lässt in Schulen (und sonstwo) rumbeten, hängt Kreuze auf und zieht den Religionsunterricht bis zum Abitur durch.

Sorry! Ich glaube einfach nicht mehr, dass etwas hinter solchen Worten wie auf der Synode in Magdeburg steckt. Schön appelliert, aber nur heiße Luft, die nichts bewirkt und wahrscheinlich nicht einmal Bewegungen wie Occupy tatsächlich unterstützt.

Der Bundesinnenminister Friedrich (CSU) sprach auf derselben Veranstaltung ein Grußwort und sagte doch tatsächlich, dass auch der säkulare Staat angewiesen sei auf das werteorientierte Handeln seiner Bürger, wofür die Kirche eine Grundlage lege.

ABSOLUTER WAHNSINN! – Welchen säkularen Staat mag der Mann nur gemeint haben? Die Türkei, China, gar Nordkorea oder bestenfalls Frankreich? Unser Deutschland jedenfalls nicht, denn das ist alles andere als ein säkularer Staat. Wer anderes postuliert, befindet sich qua Fakt im Zustand von Selbstlüge und beschämender Heuchelei. Drum bin ich ja so frustriert über Handeln und Nicht-Handeln der Kirche.

Um vielleicht mit den Worten bezüglich der Gier keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen, wird gleich zu Beginn der Synode klar gestellt, dass man als Kirche zwar Mindestlöhne, den Atomausstieg und die Möglichkeit eines selbst verantworteten Lebens bei voller Berufstätigkeit begrüße, aber – mit meinen Worten übersetzt – in der Kirche als Arbeitgeber nicht die Gewerkschaftsforderungen von Tariflöhnen und Streikrecht einführen wolle. Man sei vielmehr auf gerechten Lohn im Konsens aus.

Wer’s glaubt. Konsens ohne Möglichkeit, gegen den Kirchenkonsens zu verhandeln. Das nennt die EKD dann den dritten Weg.

Die bis Mittwoch (09.11.2011) andauernde Synode der Evangelischen Kirche übrigens steht unter dem Motto der Mission: Man müsse die Menschen neu für den Glauben gewinnen und dürfe nicht zu einem die Vergangenheit verherrlichenden Museum werden.

EBENFALLS WAHNSINN. – Mission und Vergangenheit in einem Satz. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Nicht so geplant mit den Worten  – ich weiß – aber Tatsache ist nun einmal, dass das einzige, was Hitler und Stalin im Abschlachten übertroffen hat, die sogenannte Mission in der Vergangenheit ist. Und zwar beide zusammen genommen.

Ohne dem Präses etwas unterstellen zu wollen, so sage ich doch, dass mit Motto und Worten nicht nachgedacht wird bzw. die Sensibilität, die irgendwo notwendige, innere Auseinandersetzung fehlt, und zumindest offenbar das diplomatische Feingefühl nicht vorhanden ist.

Ich habe ein Thema geplant: „Unser Glaube, unsere Kopftuchtoleranz“. Darin erzähle ich Euch etwas – wenn Ihr mögt – zu meiner Kritik gegenüber den drei großen monotheistischen Religionen, warum ich nicht an Gott (oder anderes) glaube, aber doch ein Mensch mit Glauben bin und einiges mehr im Kontext. Wahrscheinlich so um den Jahreswechsel 2011/12 herum. Mal sehen …

Sonntag, 6. November 2011

Thema 5: Das Nichtraucher-Phänomen (KW45 / 2011)



12 Uhr. Sonntagmittag. Internationaler Frühschoppen. Absoluter Kult.

Rauchschwaden wabern durch das Studio. Schemenhaft aus dem Dunst heraus erklären Stimmen mit Akzent die Vorgänge in der Welt. Unverwechselbar mittendrin Werner Höfer, dessen Äußeres immer ein wenig an Robert Lembke erinnerte, während das langsam bedächtige Dozieren dagegen  einmalig bleibt in der deutschen Fernsehgeschichte. – Dieses Gequatsche ist mir in der Erinnerung viel präsenter geblieben, als die benachbarte Maus, in der wahrscheinlich niemals erklärt wurde, wie Zigaretten gemacht werden.

Es gab tatsächlich einmal eine Zeit, da wurde einfach überall geraucht. Im Fernsehen, im Bundestag, in Ämtern und Schulen, in heimischen Wohnzimmern, in Flugzeugen und Zügen, auf der Arbeit, in Kneipen und in Geselligkeit sowieso. Einfach überall. Wurde es ein bisschen stickig, hat man das Fenster kurz aufgemacht.

Nach den Hamster- und Schwarzmarktjahren als Zigaretten so etwas wie einen aus der Not geborenen Währungsersatz (Systeme erschaffen sich selbst / Chaos-Gedanke) darstellten, waren sie kurz darauf wiederum zu einem der sichtbarsten Markenzeichen von Wirtschaftswunder und neu errungenem Wohlstand geworden. Man rauchte Ernte 23, HB, Stuyvesant, Roth-Händle, Dunhill, später ganz modern dann West und Camel bzw. Marlboro natürlich auch. Im Osten waren es f6, Karo etc., im Westen wurde Reemtsma wurde reich.

Hey, was waren das für Zeiten! Ludwig Erhardt kennt man gar nicht anders als mit seiner Zigarre, während Ende der 90er Jahre ein Gerhard Schröder, der seine Kanzlerschaft erst einmal zu genießen gedachte, für ein Foto mit Zigarre im Kanzleramt am Schreibtisch heftig gescholten wurde. Bei mir zu Hause wurde auch immer geraucht, d.h. mein Vater tat es; meine abstinente Mutter war die Ausnahme von der Regel. Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen. Wenn wir sonntags einen Familienausflug unternahmen oder mit dem Wohnwagen in Urlaub fuhren, war das vollbesetzte Auto selbstredend vollgequalmt. Kein Mensch thematisierte das. Ich holte als Kind meinem Vater Zigaretten aus der Bergwerkskantine für 2 DM / Schachtel; Euromäßig wahrscheinlich kaum in Cent messbar, denn neben der Umrechnung sind da ja auch fast 30 Jahre Kaufkraftunterschied.

Dass Helmut Schmidt ein Kettenraucher war, kümmerte niemanden. Natürlich zündete er sich bei der ersten Fernsehdiskussion des deutschen Wahlkampfs 1976 eine nach der anderen an und nahm zwischenrein einen Typ namens Helmut Kohl fachgerecht auseinander.

Heute ist er der berühmteste Raucher der Welt und wahrscheinlich der einzige Mensch im Universum, der öffentlich und im Fernsehen (außerhalb von Filmen) geduldet rauchen darf, … selbst in den USA.


Bekenntnis: ich selbst habe das Rauchen mit 17 begonnen. Wegen einer frühen Freundin, die mich mit der Kifferei bekannt machte. Bei dieser Art von Genusstätigkeit ist das Rauchen sozusagen Nebenwirkung. Das soziale Rumgemache und Coolgetue rund ums Kiffen ödete mich schnell an und beeindruckte mich kein bisschen bzw. ich fand heraus, dass die Suche nach Bewusstseinserweiterung nicht durch irgendeine Art der Chemie befördert werden kann, sondern viel erfolgreicher mit dem persönlichen Bemühen darum verbunden ist. – Andere Geschichte. – Nichts desto trotz, das Rauchen ist geblieben. Diverse Versuche damit aufzuhören in den 90ern blieben erfolglos. Joggen, der Druck von erst Freundin und dann Eheweib, Akkupunktur. Es half nichts, ich bin offenbar die Art von Suchttyp, der man schon irreparabel auf den Kopf hauen müsste. Auch jetzt, im Augenblick dieser Worte tippe ich mit links (Linkshänder / Zweifingertippse) und qualmt die Kippe in der Rechten.

Wir rauchten also auf unseren Buden, während Partys und Unifeten, sogar im Bett und gerne auch nach der Liebe. – Die öffentliche und innere Veränderung kam schleichend, beginnend irgendwann in den Achtzigern als Folge von Ökologiebewegung und eben sich neu durchsetzendem Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein. Das Abfeiern des wiedererlangten Wohlstandes war vorbei, neue Gesellschaftbaustellen standen an.

Erst ganz harmlos und im Sinn als Fortschritt empfunden. Es ging darum Rücksicht aufeinander zu nehmen, wer könnte etwas dagegen haben?! Öffentliche Orte wurden rauchfrei. Erst Kundenräume, dann auch Büros mit Besucherverkehr. Erst gab es Nichtrauchergeschichten, dann waren es umgekehrt die Raucherecken.

Mein erstes Erlebnis mit kontrovers-unversöhnlicher Raucherdiskussion geht auf eine Fachschaftssitzung an der Uni um 1990 zurück. Rauchen bei einer solchen Sitzung Ja oder Nein (es ging nicht einmal um die Räume der Studivertretung)? Heute kein Thema, aber man muss das aus der Zeit heraus verstehen. Viele Raucher begriffen zunächst von Erziehung und Gewohnheit her nicht, fühlten sich mit so etwas ausgesperrt. Nichtraucher lernten gerade erst den Qualm als Gesundheitsbelastung und damit als Verletzung ihrer Rechte (ich sage aus Versöhnungsgründen nicht „Körperverletzung“) zu definieren. Entsprechend hitzig war das. Sich halt auf Rauchpausen (mein persönlicher Kompromiss) zu einigen, ging einfach nicht. Es musste regelrecht abgestimmt werden. Ich entsinne mich nicht des Ergebnisses, aber eines weiß ich noch: der provokanteste Disputant der Nichtraucher stimmte gegen seine eigene Forderung! – Er wolle ein Zeichen setzen, so sein Kommentar.

Die Sache mit dem Rauch veränderte sich. – Alles wurde rauchfrei: Das Fernsehen, geschlossene Räume in der Öffentlichkeit, Wohnungen, Autos, Restaurants. Fast alles, wo Menschen zusammenkamen. Der Staat entdeckte die Tabaksteuer für sich und generiert seit Mitte der 80er Jahre regelmäßig neue Preisrunden nach oben (nie auch mal umgekehrt, wie ich es in anderen Ländern erlebte). Ende offen.

Ich persönlich – andere Raucher mögen anders empfinden – verstand das alles soweit. Ich wollte und will mit meiner Raucherei niemanden belästigen oder schädigen. Meine Familie nicht, Freunde, Kollegen und auch nicht mir völlig unbekannte Menschen. Es ist kein Problem Rücksicht zu nehmen und z.B. in geschlossenen Räumen mit anderen nicht zu rauchen. Auch das nach Rauch riechen, das meine frühere Frau nicht mochte, habe ich gerne versucht, möglichst klein zu halten. Rücksicht auf seine Umwelt zu nehmen, bedeutet nicht klein bei zu geben, sondern ist eine durchaus erstrebenswerte Tugend.

Heute wird nirgendwo mehr das Rauchen idealisiert oder als cool dargestellt. Selbst in einschlägigen Filmen nicht mehr, wo es nur noch Stilmittel zur Charakterisierung bestimmter Typen ist. Kein Nichtraucher muss sich ernsthaft mehr an einem öffentlichen Ort unangenehm belästigt fühlen. Es ist endgültig vorbei.

Trotzdem – und dies formuliere ich bewusst in dem scheinbar harmlosen Begriff „NICHTRAUCHER-PHÄNOMEN“ – geht es immer weiter und findet kein Ende. Was zunächst wie ein gesellschaftliches und volksgesundheitliches Korrektiv wirkte, wird in jüngerer Zeit mehr und mehr zu einem missionarischen Kreuzzug (EU-Staaten, USA und andere Ecken) der unangenehmen Art:

§  Per Volksbegehren und / oder Gesetz dürfen Kneipen nicht mehr selbst entschieden, ob oder wie geraucht werden darf (größeres Thema: einfach aberwitzig wie dabei bestimmte Konzepte, ausgewählt kulturelle Geschichten und natürlich Existenzen vernichtet werden).

§  Auf Bahnhöfen muss man sich selbst im Freien nun in ein gelbes Quadrat am Ende des Gleises stellen.

§  Sogenannte Gesundheitsapostel unter den Politikern visionieren immer wieder darüber, dass Raucher einen erhöhten Krankenkassenbeitrag leisten sollen (Na bitteschön! Als gäbe es keine anderen Risikogruppen. Was sagen die einer Frau, deren Mutter und Großmutter an Brustkrebs erkrankten?). Wie bitte, selbst verschuldet? Gerne! Nehmen wir uns doch alle Leberpatienten (Alkohol, Tabletten etc.) vor und die dumm Gestolperten. Warum nicht auch die Depressiven und sonstwie chronisch Kranken, wenn sie nicht ihre Unschuld beweisen können? – Wie lange wir leben und wie intensiv wir behandelt müssen, kann natürlich mit unserem Lebenswandel zusammenhängen. Unbestritten. Oft aber auch – und das geschieht genauso oft bis wahrscheinlich sehr viel öfter – mit dem zufälligen Genmix, den wir mitbekommen.

§  Der von eigener Hand gekrönte Krieger gegen das Rauchen – ich meine den Herrn Sebastian Frankenberger – möchte nach seinem Bayern-Erfolg in Sachen Gaststätten & Kneipen (besuchte er regelmäßig ein betroffenes Lokal und existiert es noch heute?) nun auch das Rauchen auf den Rängen der Fußballstadien verbieten lassen. Geht es absurder? Bitte mal richtig darüber nachdenken! In welcher Weise könnte da im Rauchfall der Fälle eine ernsthafte Belästigung oder gar Gesundheitsgefährdung des Nachbarn stattfinden?

Nur noch eine Frage der Zeit, dass dies tatsächlich kommt. Monsieur Platini und die UEFA haben nämlich eine rauchfreie Europameisterschaft 2012 ausgerufen, welche das Rauchen nicht nur in, sondern auch rund um die Stadien untersagt. Es vertrage sich nicht mit dem Sport. Die Ligen werden nachziehen; das ist ein ungeschriebenes Gesetz im Fußball.  – Ich fordere also: Lasst uns bitte gleich Nägel mit Köpfen machen und sperrt das Bier und die fette Stadionwurst mit aus, damit wir uns sportlich konzentriert auf eine EURO vor halbleeren Rängen freuen können.

Ich empfinde dies (und anderes) als absurd und als jetzt tatsächlich stattfindender Ausgrenzung, welche vernünftige Grenzen überschreitet. Es ist die Aufgabe mitdenkender Menschen (gerade auch Nichtraucher wären gefordert) daraus mit der Zeit keine Hatz werden zu lassen.

Im Privaten stört mich z.B., dass die Mutter meiner Kinder (meine frühere Frau) nicht damit aufhört, diese damit zu beglücken, dass sie nach Rauch stinken würden, sobald sie von mir zu ihr kommen. Es ist so und schlicht einfach nicht wahr! Ich gebe mir Mühe, dies von ihnen fern zu halten. – Die Macht der Programmierung bewirkt trotzdem, dass meine Tochter nicht einmal gerade frisch gewaschene Wäsche akzeptieren möchte.

Die Sache mit dem Nichtraucher-Phänomen ist vielleicht nur eine kleine Randnotiz der Gesellschaft, aber lasst uns bitte alle miteinander hoffen, dass übergroße Intoleranz auf Dauer keine Chance bekommt zu obsiegen.

Im Hause meiner Eltern nahm meine Mutter nach dem Tod des Vaters in 2009 umgehend die Gardinen zum Waschen ab, ließ die Wände von Handwerkern streichen und untersagte das Rauchen. – Das ist weiß Gott in Ordnung. Als Sohn finde ich nur, sie hätte diese Grenze schon früher in ihrer Ehe setzen sollen.

Auch das eine andere Geschichte, die ich allerdings viel später und vielleicht an dieser Stelle erzählen werde.


NACHWORT: Meine Mutter las diesen Artikel und ist nicht einverstanden mit dem letzten Absatz. Die Wände seien schon vor dem Tod meines Vaters gestrichen und die hässlichen, vor Jahrzehnten aus einem anderen Wohnort mit gebrachten Gardinen eben deshalb komplett ersetzt worden. Außerdem verbiete sie das Rauchen nicht.

In Ordnung, das ist sicher so Fakt. Mich beschleicht aber vielleicht auch gerade wegen dieser Feststellung der Verdacht, dass der Text nicht so richtig verstanden wurde.

Das mit dem Rauchen kann ich dann ja mal ausprobieren. Fakt jedenfalls ist auch, dass ich irgendwann nach Vaters Tod vor die Tür geschickt wurde. – Vielleicht mache ich es aber auch nicht und setze mich stattdessen draußen auf seine Teakholzbank, die er in der warmen Jahreszeit liebte. Dort sprachen wir das letzte Mal miteinander. Ein guter Ort für eine Zigarette.

Donnerstag, 3. November 2011

Thema 4: Die Sache mit dem Sonnenfeuer (KW44 / 2011)


Als Otto Hahn gemeinsam mit Fritz Straßmann am 17. Dezember 1938 eher zufällig die Kernspaltung eines Uranatoms gelang (eigentlich suchte man nach dem Neutronenbeschuss des Kerns einen bestimmten Stoff), welche dann später von Lise Meitner aus dem Exil heraus erläutert wurde, ahnten diese Wissenschaftler sicher nicht, was sie da für einen Prozess mit gravierenden Folgen für die ganze Menschheit in Gang gesetzt hatten.

Otto Hahn immerhin war später entsetzt über den Bau von Kernwaffen und setzte sich bis zu seinem Tod für ihre Ächtung bzw. auch gegen die vielen Testexplosionen ein. Aber es half ja nix: Das Sonnenfeuer war angezündet worden und ist bis auf den heutigen Tag nicht gelöscht!


Hier einige meiner Gedanken.

(1)    Atomwaffen

Gerade jetzt wurde in der vergangenen Woche (Ende Oktober 2011) die letzte Megabombe des kalten Krieges endlich auseinander genommen. Eine Bombe mit der 600fachen Sprengkraft der Hiroshimabombe „Little Boy“, … was bitteschön hätte man wohl vorgehabt mit einer solchen Monstrosität, etwa ein Loch in den Planeten zwischen Ost und West sprengen mit Steinzeitkulturen auf beiden Seiten?

Dazu passt der gleichzeitig 50ste Jahrestag der sogenannten „Zar-Explosion“, welche die Sowjets seinerzeit veranstalteten, weil die Amerikaner mit „Ivy-Mike“ in Sachen Wasserstoffbombe schon vorgelegt hatten. 3.800 Mal Hiroshima, eine Druckwelle mit über 1.000 Kilometern im Radius, ein Atompilz 64 Kilometer hoch bis im Grunde ins Weltall hinein, eine atmosphärische Verstrahlung, die wohl niemals richtig erfasst wurde, wie krank war das denn!!

Wer braucht denn da noch Naturkatastrophen oder Asteroiden, welche die Erde treffen könnten?!

Gut, dass dieser Irrsinn in großer Eskalation nun vorbei zu sein scheint!! Sehr gut! – Allerdings teile ich ganz und gar nicht die selbstgerechte Ansicht ehemaliger kalter Krieger, dass allein dieses ihr Wettrüsten unter der Prämisse „Gleichgewicht der Kräfte“ letztendlich den Weltenbrand verhindert habe. Ich denke vielmehr – vereinfacht ausgedrückt – dass eine historisch irrwitzig glückliche Kombination aus Systemschwäche (Sowjetkommunismus) bei gleichzeitig gerade zu diesem Zeitpunkt besonnen handelnder Protagonisten zusammen gekommen ist. Das hätte sich auch anders ausgehen können, wie es in der Geschichte viele Beispiele zusammenbrechender Systeme zeigen. Stellt Euch nur einmal vor, es wäre damals nicht die Administration Gorbatschow am Drücker gewesen, sondern Typen wie einst Stalin und Konsorten. Schmidt und auch Kohl könnten sich heute sicher nicht mehr in Büchern dazu auslassen, wie erfolgreich ihre Politik der Stärke gewesen sei.

Ich halte es da eher mit Brandt, dessen Auftreten auf dem Parkett zwischen Ost und West dazu betrug, die ständige Eskalation am Rande des konkret ausbrechenden Krieges deutlich herunter zu fahren, in dem er Dialog und Entwicklung mit sichtbaren Effekten an deren Stelle setzte. Und dies aus dem damals weltpolitisch nicht selbständigen Mündel Deutschland heraus. Wenn Historiker eines Tages mit dem gebührenden zeitlichen Abstand über das Wort „Entspannungspolitik“ hinaus forschen und bewerten, wird ziemlich genau diese Bedeutung nachhaltig zu würdigen sein. Später – inzwischen längst Halbprivatier (bzw. nur noch Abgeordneter, Vorsitzender von SPD & sozialistischer Internationale) – hat Brandt praktisch unbemerkt von Öffentlichkeit und handelnder Politik die Chance ergriffen, als Gorbatschow völlig an seinen eigenen Genossen vorbei gleich ab 1985 regelmäßig dessen informellen Rat suchte. Brandt wusste und beeinflusste damals Dinge, nach denen sich alle westlichen Geheimdienste die Finger geleckt, und die ihm wohl auch den Vorwurf des Verrats eingebracht hätten, wie ich vermute. Im Rahmen dieses Kontextes ist dann wahrscheinlich auch diese etwas merkwürdige späte Männerfreundschaft mit Helmut Kohl einzuordnen. Da kannte der Mann nix, wenn es galt, eine politische Lebensarbeit aus seiner Sicht zu vollenden.

Liebe Historiker, wie wäre es? Da steckt so manche ungeschriebene Doktorarbeit im Themenkomplex!

Gebannt ist die Gefahr des Sonnenfeuers als Waffe jedoch noch längst nicht. Machen wir uns bitte nichts vor. Das Arsenal der Atomwaffen besteht weiter. Die Bomben sind vielleicht wieder kleiner geworden, aber eben auch moderner und nicht weniger fies. – Man fragt sich natürlich, was für eine Art Krieg das sein soll, in dem Militärs solche Waffen verwenden könnten? Ich bin sicher, dass es niemanden gibt, der da eine vernünftige und nachvollziehbare Erklärung geben könnte.

Auch ist nicht zu erkennen, dass eine der existierenden Atommächte an diesem Status etwas ändern wird. Nicht nur die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates und immerhin Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrages – Äh, wenn man sie eh nicht einsetzen wird, wieso dann überhaupt? – besitzen diese Waffen, sondern auch Länder wie Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel. Iran versucht sie zu wohl bauen, denn AKWs zur Deckung seines Energiebedarfs braucht dieses Land nicht. Vielleicht auch Syrien, wer weiß?!

Ich finde, das gibt nicht nur Anlass zur Sorge, sondern macht richtig Angst. Was, wenn in einem instabilen Land wie Pakistan das Chaos ausbricht oder – noch gruseliger – die Taliban dort die Oberhand gewinnen? Was, wenn die Diktatur in Nordkorea zusammenbricht und der Despot beschließt, nur mit Mann und Maus im großen Sonnenfeuer verbrennen zu wollen? Was, wenn das eine oder andere Bömbchen mal versehentlich abhanden kommt oder schon längst abhanden gekommen ist, … mit waffenfähigem Plutonium passiert das ja auch? Was, wenn es zu einem GAU auf einem atomgetriebenen und vor Waffen starrenden U-Boot oder Flugzeugträger kommt?

Könnte schon sein, dass wir alle bisher viel mehr Glück als im wahrsten Sinne des Wortes Verstand hatten.

Ich erinnere mich noch an Obamas Auftritt in Prag 2009 vor großer Kulisse, als er pathetisch verkündete, das Ziel einer atomwaffenfreien Welt verfolgen zu wollen. Seitdem aber geschah eigentlich nichts außer einem neuen START-Abkommen zur Reduzierung auf 1550 Sprengköpfe (wie oft kann man jetzt mit diesem Miniarsenal den Planeten zerlegen?), das eher die Folge von Anpassungsstrategien ist. Angesichts der Ernsthaftigkeit des Themas schade, es war wohl mehr eine Bewerbungsrede auf den Friedensnobelpreis.

Weil mit dem Auseinanderbauen einer alten Bombe des kalten Krieges noch nicht wirklich etwas passiert ist, bleibt also viel zu tun bzw. etwas anzufangen. – Wenn also jemand eine Idee dazu hat, wie man vor allem die unsichersten Kandidaten vom sich von der Bombe trennen bewegen kann, nur her damit, ich leite es gerne an Herrn Obama weiter.

Selbst würde ich zunächst eine Uno-Sondierung und Konferenz der betroffenen Staaten vorschlagen, mit dem Ziel eines unabhängig kontrollierten Vertrages. Mindestens Indien und Pakistan müssten ein elementares Interesse haben, denn die Bombe bedroht beide Länder sehr unwägbar. Eigentlich auch Israel, denn – Hallo – wie gefährlich ist das denn heute in gerade dieser Region?! Wisst Ihr, zumindest mal anfangen, lange genug dauert es sowieso.

Meiner eigenen Regierung würde ich auch anempfehlen, die in Deutschland nach wie vor stationierten Atomwaffen endlich abziehen zu lassen und innerhalb des Bündnisses einen Dialog zu Sinn und strategischem Zweck dieser Geschichten anzuzetteln.

Abschließend noch eine ganz spezielle These: der ganz große Krieg für diese Wahnsinnsbomben und Massenvernichtungswaffen kommt sowieso nicht mehr, denn man würde sich nicht nur latent auch selbst vernichten, sondern – schlimmer noch – die jetzt völlig global verflechteten Wirtschafts- und Finanzströme zerstören, an deren Tropf einfach alles hängt, wie tagtäglich zu begutachten ist. Die Auseinandersetzungen der Systeme, Ideen, Staaten, Regionen sind dabei, sich fundamental zu verändern. So eine Abschreckungsbombe bingt’s nicht mehr.

(2)    Die Kernenergie

War dereinst erst energiepolitischer Heilsbringer und dann Problemfeld aufgrund seiner Hinterlassenschaften, derer man sich nur schwer oder mitunter vielleicht gar nicht entledigen kann. Dazu technologische Gefahren, deren gesellschaftliche Behandlung fast in Glaubensauseinandersetzungen mündete, bis sich die Frage gerade erst in diesem Jahr 2011 möglicherweise endgültig entschieden hat durch eine schreckliche Katastrophe, deren Gesamtfolgen wir noch gar nicht kennen.

Harrisburg, Tschernobyl, Sallerfield, Fukushima. Nur einige zugegeben große Ereignisse im Rahmen hunderter und tausender Störfälle, welche durchaus nicht alle glimpflich abliefen. Auch bei uns in Deutschland, auch bei unseren Nachbarn in Frankreich.

Ich verstehe durchaus die Anfänge der Entwicklung dieser Technologie und die Motive zu ihrer Verbreitung. Kohle und Öl wurden immer teurer bzw. schwierig in ausreichender Menge zu gewinnen, der Energiehunger nach dem 2. Weltkrieg immer gefräßiger und die Kernenergie versprach eine geniale, billige und vergleichsweise saubere Lösung. Erfahrung fehlte und Strahlungsfragen waren noch nicht untersucht; man braucht sich ja nur einmal die alten Bilder der Atombombentests anzusehen. Die Entwickler und Unternehmen waren zudem in ihrer Begeisterung allenthalben nicht zu stoppen.

Soweit.

Als aber Menschen anfingen Fragen zu stellen im Rahmen der Späteffekte jener Generationenauseinandersetzung 67/68 und weil das Wissen um die Technologie und ihrer Risiken/Probleme ebenso zunahm wie ihre Verbreitung, reagierte man politisch und wirtschaftlich unwirsch bis sogar feindlich. Ob es daran lag, dass man um den wahren Kern der nicht dauerhaft zu beherrschenden Gefahren wusste, kann ich nicht sagen, aber die Auseinandersetzung war so. Eine regelrechte Antiatomkraftbewegung ist überhaupt erst dadurch entstanden, weil so überempfindlich mit Kritik umgegangen wurde. - Im größeren Kontext hat dieser Aspekt das erfolgreiche Zustandekommen der Grünen in der Parteienlandschaft sehr befördert, was die Etablierten sich damals nicht einmal ausmalen konnten. Allen voran die SPD, die es gerade aus der eigenen Geschichte heraus hätte besser wissen müssen. Wäre ohne die Antiatomkraftkiste (auch Friedensbewegung / Nato-Doppelbeschluss) vielleicht nicht passiert.

Ich behaupte das alles deshalb so bestimmt, weil ich als Jugendlicher an einem gewissen Punkt ein Stück weit mittendrin gewesen bin. Und zwar auf beiden Seiten. Mein Vater war zwischen 79 – 86 einer von drei Geschäftsführern der DBE, also jener Gesellschaft, die Gorleben, Schacht Konrad und anderes (nicht Asse) betreibt, zuständig für die Erkundung des Salzstocks dort unter Tage, dem geplanten Endlager. Die anderen beiden GFs beschäftigten sich mit den Anlagen über Tage (der heute so umstrittenen Zwischenlagerung) und der Verwaltung. Ich bekam in diesen Jahren einiges mit auf beiden Seiten aufgrund der eigenen sozialen und politischen Orientierung, aber dazu schreibe ich ein anderes Mal etwas. – Nur soviel, es gibt wahrscheinlich nicht viele Menschen, welche die festungsartig errichteten Bohrstellen mit Betonplatte, Flutlicht und Wasserwerfern detailliert von beiden Seiten und Perspektiven aus erlebt haben.

Die Bewegung war groß, ihre Wahrnehmung deutlich, die Grünen etablierten sich sogar im Bundestag und scheibchenweise in Landesparlamenten, Harrisburg und Tschernobyl geschahen, aber es änderte sich nichts. Man wurde polemisch-rhetorisch als naiv belächelt und abgetan. Die Bewegung ausgesessen, bis sie an Kraft verlor. Ein paar Innovationen wie Mülltrennung, Gründerinitiativen (Windräder, Solarentwicklung etc.) und Patente nahm man gerne mit. Wirtschaftsinteressen und Lobbyismus obsiegten oder es schien zumindest so, als ob sie das tun würden. – Allerdings, und das geschieht in der Geschichte seit Anbeginn unserer Aufzeichnungen, lassen sich weder die Wirklichkeit noch die Natur auf Dauer betrügen.

Ich habe dann doch in diesem Frühjahr (2011!) regelrecht Bauklötze gestaunt, als im Angesicht der Fukushima-Katastrophe die immerhin promovierte Physikerin Merkel sichtlich betroffen den deutschen Ausstieg aus dem Ausstieg vom Ausstieg der Kernenergie mit zunächst einem Moratorium einleitete. Die dolle Laufzeitverlängerung war da keine 5 Monate alt! Haben die im Ernst geglaubt, dass das alles so vollkommen sicher sei, … bis die Befürchtungen und Szenarien der Atomkritiker jetzt genau so eingetreten sind? Was bitteschön soll man davon halten und wie soll man diesen Leuten in auch anderen wichtigen Fragen und Entscheidungen Vertrauen entgegen bringen?

WER – FRAGE ICH – IST HIER NAIV?!

Immerhin. Ich halte es Menschen zugute, sich zu korrigieren. Der Schock war wohl groß, und zumindest das ist am Rande des furchtbaren Unglücks ein erstes konstruktives Ergebnis. – Man kann jetzt hoffen, dass der Ausstieg aus der Kernenergie dann wirklich 2020 – 2022 kommt. Zuvor war das trotz Beschluss wegen der unterschiedlichen Regierungsprämissen nicht so klar. Immerhin.

Von dem wirtschaftlichen Effekt der Beförderung neuer Energiewege gar nicht zu reden. Da kommt jetzt was in Gang, … es kann halt nicht schaden der Wahrnehmung auch naiver Menschen einmal etwas Aufmerksamkeit zu schenken.

Aber es reicht nicht! Frankreich zum Beispiel direkt nebendran hängt mit 70 Prozent seines Energiebedarfs trotz diverser Probleme an der Atomkraft und denkt gar nicht an ein Umdenken. Die Sache muss man komplexer angehen, … hören Sie zu, Frau Merkel? Wir alle brauchen einen größeren Plan, der den Atomkraftstaaten fetzige Angebote macht. Einsicht allein tut’s nicht.

Japan (ausgerechnet!) ist/war auch so ein Land, das nichts von der Atomkraft abzubringen schien (trotz zweier Bomben 45). Jetzt aber, nach fast 8 Monaten Katastrophe und anhaltender Verzweiflung im Kampf gegen die Folgen, überlegt man nun doch aus der Sache auszusteigen, … wegen der leidvoll erlebten Erfahrung. Wenn das in diesem Land gehen sollte, dann geht auch sonst wo etwas! Hören Sie zu, Frau Merkel? Tun Sie etwas! Sie sind doch laut Erhebungen die mächtigste Frau der Welt. Wenn man auf sie hört, dann tun Sie bitte etwas. Im Interesse von uns allen. – Ist natürlich nur übertragend gemeint, denn Sie lesen dies ja nicht.

--

Das Sonnenfeuer ist noch längstens nicht gelöscht. Weder militärisch noch energiemäßig. Dabei ist beides von gestern. Wir sollten das neben der Ablenkung durch andere aktuelle Geschichten (z.B. Griechenland-Chaos) nicht aus den Augen verlieren. Man muss nicht immer auf das nächste Unglück warten, auch Einsicht kann etwas bewegen.